Edgar Lissel, Gotteshäuser - Quartier 206, Friedrichstr. 71, Berlin, 1997
Die Arbeit "Gotteshäuser" beschreibt die Reise mit einem zur Lochkamera umgebauten Lastkraftwagen durch Deutschland.
Im Inneren der mobilen Camera Obscura fällt das durch ein nur winziges Loch gebündelte Licht auf grossformatiges Fotomaterial.
Die Wirklichkeit in Frage stellend, zeigen uns die negativen Bilder, wie Lichter zu Schatten werden und die Schatten in gleißendem Weiß
erstrahlen.
Belichtungszeiten von mehreren Stunden lassen die Abbildung flanierender Passanten und des täglichen Autoverkehrs nicht zu.
Alles Leben bleibt ohne Zeichen, und die Monumente kollektiver Sehnsüchte werden zu menschenleeren Skulpturen. In Anlehnung an Kirchenfenster,
die mittels göttlicher Kraft, dem Sonnenlicht, ihre religiöse Botschaft präsentieren, werden die großformatigen Kirchenbilder
auf Leuchtkästen künstlich durchleuchtet und buntes Neonlicht erzählt ihre Geschichte.
Der Tagesspiegel; 8.8.1997
"[..] mit kalkuliert eingesetzten bildnerischen Mitteln übersieht er das Erhabene ebenso wie die Macht des Monumentalen.
Offenbar beruht das Erhabene in der Architektur auf einer Illusion. Es ist nicht gegeben; es wird geschaut - oder eben übersehen.
Folgt man diesem ironischen Blick, stellt sich die Frage, ob es überhaupt religiöse Architektur oder allein den religiös gestimmten
Betrachter gibt und ob eine Architektur mit politischem Auftrag, die Ideologie eines Staates zu repräsentieren, unter veränderten Bedingungen
ihren gemeinten Charakter verlieren kann. Diese Fragen werden durch Lissels Werk zwar nicht geklärt, aber klar gestellt."